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09.01.2022

Bestsellerautor und Kirchenexperte Erik Flügge stellt sich den Fragen von Kursstufenschülern des Franziskus Gymnasiums

„Warum sind Sie eigentlich noch Mitglied der Kirche?“ Die Schülerinnen und Schüler des Religionskurses, den Erik Flügge per Videokonferenz besuchte, brauchten auch um kurz nach acht Uhr morgens keine Aufwärmphase. Die erste Frage aus dem Kurs hatte es also direkt in sich und veranlasste Flügge zu längeren Ausführungen über die seiner Ansicht nach allen Skandalen zum Trotz immer noch relevante Rolle der Kirchen für die Gesellschaft. So seien die Kirchen bis zum heutigen Tag die einzigen Institutionen in Deutschland, die ein flächendeckendes Netz der Sterbe- und Trauerbegleitung bereitstellten. Dafür zahle er gerne seine Kirchensteuer. Außerdem ermögliche Kirche Seniorinnen und Senioren in einer Gesellschaft, die alte Menschen gerne „in Heime abschiebt“, in besonderer Weise gesellschaftlichen Anschluss. Wichtig war Flügge auch der Hinweis: „Die Kirchen schützen Religiosität vor Radikalisierung.“ Natürlich habe ein System, das so komplex sei wie die Kirchen, auch mit teils erschütternden Skandalen zu kämpfen. Deshalb aus der katholischen Kirche auszutreten sei für ihn aber schon deswegen keine Option, weil sie damit auch einen internen Kritiker verlöre.

Die Schülerinnen und Schüler interessierten sich im weiteren Verlauf des Gesprächs vor allem für Fragen nach der Zukunft der Kirchen und die Rolle der Jugendlichen in diesem Zusammenhang. Für die nähere Zukunft der Kirchen in Deutschland prognostizierte Flügge dabei radikale Veränderungen. So wie der Staat vor einem Rentenproblem stehe, müssten auch die Kirchen finanziell komplett umdenken, wenn die Generation der Babyboomer in Rente gehe und große Teile der Kirchensteuereinnahmen binnen kurzer Zeit wegbrechen würden. Viele kirchliche Stellen und Gebäude seien dann nicht mehr finanzierbar. Für das klassische Gemeindeleben am Ort bedeute das in vielen Gegenden wohl das Aus. Die Kirchen müssten sich zukünftig also „projekthafter“ organisieren. Das entspreche aber ohnehin eher der Lebensrealität der meisten jungen Menschen, die bedingt durch moderne Anforderungen in Ausbildung, Studium und Beruf kaum länger als drei bis vier Jahre an einem Ort leben würden. Unter diesen Voraussetzungen sei es schwierig, in einer ortsgebundenen Kirchengemeinde Fuß zu fassen, führte Flügge aus. Davon ausgehend ermutigte er die Schülerinnen und Schüler dazu, kirchliches Engagement nicht einfach als Mitmachen in vorhandenen Strukturen zu verstehen und deshalb abzulehnen. Stattdessen sollten sie auf eine Veränderung der vorhandenen Strukturen hinwirken.

Der von einem Schüler geäußerten Befürchtung, diese Entwicklung könne eine Gefahr für die Einheit der Kirche darstellen, entgegnete Flügge, dass es eine Welteinheitlichkeit der Kirche ohnehin noch nie gegeben habe und er dieses Konzept für ein Problem halte. Nach seinem Kirchenverständnis müsse es auch möglich sein, hierzulande beispielsweise die Stellung von Frauen oder Homosexuellen in der Kirche zu stärken, während das aufgrund der gesellschaftlichen Situation in anderen Gegenden der Erde noch nicht umsetzbar sei.

Nach Abschluss der Videokonferenz zeugten angeregte Diskussionen zwischen den Schülerinnen und Schülern davon, dass Erik Flügge mit seinen Ausführungen bei vielen einen Nerv getroffen hatte. Religionslehrer Matthias Mehne zeigte sich entsprechend erfreut über den Verlauf des Gesprächs und die interessierten Fragen aus der Religionskursgruppe.